Argument aus Alternativen: Haben wir wirklich alle Optionen bedacht?
Argument aus Alternativen: Haben wir wirklich alle Optionen bedacht?
Ein Stadtrat diskutiert den Bau einer neuen Straße. Jemand fragt: „Haben wir den Ausbau des ÖPNV als Alternative bedacht?" Eine Unternehmensberaterin empfiehlt eine teure Softwarelösung. Der CFO fragt: „Und was kostet die Alternative, das intern zu entwickeln?" Ein Politiker schlägt eine neue Regulierung vor. Die Opposition fragt: „Warum nicht erst Selbstregulierung versuchen?" In allen drei Fällen wird dasselbe Argumentationsschema eingesetzt: das Argument aus Alternativen. Es ist eines der wertvollsten Werkzeuge kritischen Denkens — und gleichzeitig ein Schema, das zur Ablenkung missbraucht werden kann.
Das Argumentationsschema
Das Argument aus Alternativen (Argument from Alternatives) ist in Douglas Waltons Argumentationstheorie ein eigenständiges Schema. Es kann sowohl zur Unterstützung als auch zur Widerlegung einer Handlungsempfehlung eingesetzt werden. Die unterstützende Form:
Für das Ziel Z stehen die Optionen A, B und C zur Verfügung.
B und C sind für das Ziel Z schlechter (oder nicht verfügbar).
Also sollte A gewählt werden.
Die widerlegende Form:
Handlung A wird als die richtige Option für Ziel Z dargestellt.
Aber Option B wäre für Z genauso gut oder besser — zu geringeren Kosten oder mit weniger Nachteilen.
Also ist A nicht die optimale Wahl.
Beide Formen setzen voraus, dass der Optionenraum korrekt erfasst ist — und genau hier entstehen die meisten Fehler.
Opportunitätskosten: Die unsichtbare Alternative
Das Konzept der Opportunitätskosten ist in der Ökonomie grundlegend und im Alltag systematisch unterschätzt. Opportunitätskosten sind der entgangene Nutzen der nächstbesten nicht gewählten Alternative. Wer 10.000 Euro in Projekt A investiert, investiert nicht in Projekt B — der Wert von B ist der unsichtbare Preis von A.
Das Argument aus Alternativen macht diese unsichtbaren Kosten sichtbar. Es ist, methodisch gesehen, das Argumentationsschema hinter der Opportunitätskosten-Analyse: Eine Entscheidung wird nicht nur nach ihren absoluten Kosten und Nutzen bewertet, sondern relativ zu dem, was stattdessen möglich gewesen wäre.
Menschen unterschätzen Opportunitätskosten systematisch — das ist empirisch gut belegt. Shane Frederick und Kollegen (2009) zeigten, dass Menschen bei Kaufentscheidungen selten spontan an das denken, was sie mit demselben Geld sonst kaufen könnten. Das Argument aus Alternativen ist ein kognitives Hilfsmittel, das diese Blindstelle schließt.
Methodische Anforderungen: Wann ist der Vergleich fair?
Ein gutes Argument aus Alternativen muss mehrere methodische Standards erfüllen:
Vollständigkeit des Optionenraums: Nur die relevanten Alternativen sollten berücksichtigt werden — aber alle relevanten. Wer gezielt schwache Alternativen auswählt, um die präferierte Option besser aussehen zu lassen, betreibt einen Strawman-ähnlichen Vergleich. Das Aufstellen einer übermäßig schlechten Kontrastalternative ist ein verbreitetes rhetorisches Mittel.
Vergleichbarkeit der Bedingungen: Alternativen müssen unter vergleichbaren Annahmen bewertet werden. Wenn Option A mit optimistischen Projektion und Option B mit pessimistischen Annahmen verglichen wird, ist der Vergleich nicht redlich.
Berücksichtigung von Transitionskosten: Die Wahl einer Alternative ist nicht kostenlos. Der Wechsel von Technologie A zu Technologie B hat Umstellungskosten. Ein fairer Vergleich muss diese einschließen.
Zeitlicher Horizont: Manche Alternativen sind kurzfristig teurer, langfristig günstiger — oder umgekehrt. Der gewählte Zeithorizont beeinflusst das Ergebnis stark.
Missbrauchsmuster: Das Argument als Ablenkung
Das Argument aus Alternativen kann missbraucht werden, um Entscheidungen zu verzögern oder zu verhindern. Typische Muster:
Endlos-Iteration: Für jede vorgeschlagene Alternative wird sofort eine weitere Alternative gefordert. Das Muster erzeugt eine künstliche Unentscheidbarkeit: Da immer eine weitere Option denkbar ist, kann keine Entscheidung je getroffen werden. In Entscheidungsgremien ist das eine klassische Blockadestrategie.
Utopische Alternative: Eine real nicht verfügbare Option wird als Vergleichspunkt eingeführt, um alle realen Optionen schlecht aussehen zu lassen. „Aber wäre es nicht am besten, wenn wir gar keine Kosten hätten?" Die utopische Alternative ist kein echtes Argument — sie ist ein rhetorisches Manöver.
Asymmetrische Bewertung: Die präferierte Option wird mit milden Annahmen bewertet, die Alternativen mit harten. Das Argument aus Alternativen wird damit zum Instrument der Bestätigung statt der Prüfung — was dem Bestätigungsfehler entspricht.
Do-Nothing-Fallacy: Die Abwesenheit von Handlung wird nicht als echte Alternative bewertet. Wer sagt „Wir müssen entweder Plan A oder Plan B wählen", lässt oft aus, dass das Nichtstun auch eine Option mit eigenen Kosten und Nutzen ist.
Entscheidungstheorie und das Argument aus Alternativen
In der formalen Entscheidungstheorie ist die Bewertung von Alternativen das Kernelement jeder rationalen Entscheidung. Die Grundstruktur: Für jede Alternative werden Konsequenzen unter verschiedenen möglichen Zustandsszenarien (States of the World) bewertet und mit ihrer Eintrittswahrscheinlichkeit gewichtet. Das Ergebnis ist ein Erwartungswert, der den Vergleich ermöglicht.
In der Praxis sind vollständige Bewertungen dieser Art selten möglich — zu viele Parameter sind unbekannt, zu viele Zukunftszustände sind unsicher. Das Argument aus Alternativen in der Alltagsargumentation ist eine vereinfachte, aber methodisch analoge Operation: Statt formaler Erwartungswerte werden die zentralen Vor- und Nachteile der wichtigsten Optionen verglichen.
Herbert Simon hat dafür den Begriff der bounded rationality geprägt: Menschen können keine vollständige Optimierung durchführen, suchen aber nach einer „guten genug" Option — satisficing statt maximizing. Das Argument aus Alternativen kann helfen, die Suche zu strukturieren und blinde Flecken zu schließen.
Verbindung zum falschen Dilemma
Das Gegenteil des Arguments aus Alternativen ist das False Dilemma: die künstliche Beschränkung des Optionenraums auf zwei (oft extreme) Varianten. „Entweder wir erhöhen die Steuern, oder wir kürzen die Renten" — diese Rahmung lässt viele mögliche Alternativen aus. Das Argument aus Alternativen ist das kritische Gegenmittel: es öffnet den Optionenraum, den das False Dilemma schließt.
Umgekehrt kann auch das Argument aus Alternativen überdehnt werden — indem marginale oder unvergleichbare Optionen eingebracht werden, nur um die Entscheidung zu erschweren. Die Kunst liegt in der richtigen Kalibrierung: Welche Alternativen sind wirklich relevant und vergleichbar?
Praktische Anwendung: Wie man das Argument gut einsetzt
Wer das Argument aus Alternativen konstruktiv einsetzen will, sollte:
- Den Optionenraum explizit benennen: „Wir sehen folgende vier realistischen Optionen: ..."
- Bewertungskriterien vorab festlegen: Was macht eine Alternative besser — Kosten, Risiko, Geschwindigkeit, Nachhaltigkeit?
- Vergleichsbedingungen angleichen: Gleiche Zeithorizonte, gleiche Annahmen über Unsicherheit
- Das Nichtstun als Option explizit bewerten
- Transitionskosten einschließen
- Externe Bewertung einbeziehen, um den Bestätigungsfehler zu reduzieren
Die kritischen Fragen
- Wurden alle relevanten Alternativen identifiziert — einschließlich des Nichtstuns?
- Werden alle Alternativen unter vergleichbaren Annahmen bewertet?
- Welche Transitionskosten entstehen beim Wechsel zur alternativen Option?
- Dient das Argument aus Alternativen der echten Bewertung — oder der Blockade einer bereits guten Entscheidung?
- Welche Alternativen wurden nicht genannt — und warum nicht?
Verwandte Aspekte
Das Argument aus Alternativen ist eng verbunden mit dem Praktischen Reasoning — dem allgemeinen Schema für handlungsorientierte Argumentation. Es ist das strukturelle Gegenmittel zum Argument aus Verschwendung (das alternative Optionen systematisch ausblendet) und zu Entweder-Oder-Rahmungen. Der Status-quo-Bias erklärt, warum Alternativen zum Bestehenden systematisch unterbewertet werden.
Quellen & Weiterführendes
- Walton, Douglas N. Argumentation Schemes for Presumptive Reasoning. Lawrence Erlbaum, 1996.
- Frederick, Shane; Novemsky, Nathan; Wang, Jing; Dhar, Ravi; Nowlis, Stephen. „Opportunity Cost Neglect." Journal of Consumer Research 36(4), 2009.
- Simon, Herbert A. „A Behavioral Model of Rational Choice." Quarterly Journal of Economics 69(1), 1955.
- Thaler, Richard H.; Sunstein, Cass R. Nudge. Yale University Press, 2008.
- Bazerman, Max H.; Moore, Don A. Judgment in Managerial Decision Making. 8. Aufl., Wiley, 2013.