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blog.category.aspect 29. März 2026 5 Min. Lesezeit

Fehlerhafte Handlungszuschreibung: Den falschen Akteur beschuldigen

"Der Algorithmus hat das entschieden." "Die Marktkräfte haben das so ergeben." "Die Globalisierung zwingt uns dazu." Diese Sätze haben eine gemeinsame Grammatik: Ein anonymer, abstrakter Akteur hat gehandelt. Die Menschen dahinter — mit Interessen, Entscheidungen und Macht — verschwinden aus dem Satz. Das ist keine unschuldige Sprachpflege. Es ist eine rhetorical Move, der Verantwortung unsichtbar macht.

Was ist fehlerhafte Handlungszuschreibung?

Fehlerhafte Handlungszuschreibung (englisch: Faulty Agency Assignment) bezeichnet das kognitive und rhetorische Muster, Ursachen und Verantwortungen falschen Akteuren zuzuschreiben — oder gar an anonyme Kräfte zu delegieren, die keine echte Handlungsfähigkeit besitzen.

Das Muster tritt in zwei Hauptvarianten auf:

  • Überzuschreibung: Einem Akteur wird Ursächlichkeit zugeschrieben, die er nicht hat oder die unverhältnismäßig übertrieben ist. "Die Ausländer nehmen die Jobs weg" — statt: Unternehmen treffen Einstellungsentscheidungen in einem bestimmten regulatorischen Rahmen.
  • Unzuschreibung (Diffusion): Verantwortung wird auf abstrakte Systeme, Kollektive oder Kräfte verteilt, um konkrete Entscheidungsträger zu schützen. "Der Markt hat entschieden" statt: Vorstände und Investoren haben Entscheidungen getroffen.

"Der Markt hat entschieden" — ein Phantom-Akteur

Märkte sind keine Akteure. Sie sind Institutionen — Regelwerke, in denen Menschen mit bestimmten Anreizen und Ressourcen interagieren. Wenn ein Supermarkt-Konzern seine Lieferanten brutal unter Druck setzt, "weil der Markt es so verlangt", trifft das nicht die reale Situation: Einkaufschefs treffen konkrete Verhandlungsentscheidungen in einem institutionellen Rahmen, der ihnen Macht verleiht.

Die Phrase "der Markt hat entschieden" ist rhetorisch mächtig, weil sie drei Effekte gleichzeitig erzielt:

  1. Sie naturalisiert das Ergebnis: Märkte erscheinen wie Naturkräfte, nicht wie Menschen-Konstrukte.
  2. Sie enthaftet Entscheider: Niemand ist schuld, wenn niemand entschieden hat.
  3. Sie schließt Diskussion ab: Wie diskutiert man mit "dem Markt"?

Das Muster ist verwandt mit dem Fundamentalen Attributionsfehler, nur in umgekehrter Richtung: Statt situativen Ursachen zu ignorieren und den Charakter einer Person zu betonen, werden hier persönliche Entscheidungen in situative oder systemische Kräfte aufgelöst.

Passiv-Konstruktionen als Verschleierungstechnik

Sprache ist das wichtigste Werkzeug der Handlungszuschreibung. Passiv-Konstruktionen in politischer und unternehmerischer Kommunikation dienen häufig gezielt der Verantwortungsdiffusion:

  • "Es wurden Stellen abgebaut" statt "Wir haben X Menschen entlassen"
  • "Maßnahmen wurden ergriffen" statt "Wir haben entschieden, Y zu tun"
  • "Die Preise wurden angepasst" statt "Wir haben die Preise erhöht"
  • "Fehler sind passiert" statt "Ich habe einen Fehler gemacht"

Diese Formulierungen sind nicht zufällig. PR-Beratung, Krisenkommunikation und politisches Messaging trainieren aktiv auf Passiv-Konstruktionen, die handelnde Subjekte aus Sätzen entfernen. Das Ergebnis: Verantwortung existiert grammatisch nicht mehr.

Besonders markant ist das Phänomen bei Entschuldigungen. "Wenn jemand sich verletzt gefühlt hat, tut mir das leid" — grammatisch kein Eingeständnis, dass man selbst etwas getan hat. Das Verletzen ist ein Naturereignis, passiert irgendwie, durch niemanden.

Algorithmen und KI: die neue Generation der Phantom-Akteure

Mit der Verbreitung algorithmischer Systeme hat fehlerhafte Handlungszuschreibung eine neue Ausprägung gewonnen. "Der Algorithmus hat den Kredit abgelehnt", "Der Algorithmus hat die Inhalte moderiert", "Die KI hat das so bewertet" — diese Formulierungen verstecken, dass Menschen Algorithmen entworfen, trainiert, bewertet und eingesetzt haben.

Algorithmen haben keine Werte, keine Interessen, keine Intentionen. Sie reproduzieren die Werte, Prioritäten und Vorurteile derer, die sie gebaut haben — plus die Strukturen der Daten, mit denen sie trainiert wurden. Wenn ein Recruiting-Algorithmus Frauen systematisch benachteiligt, hat das keine "algorithmische Ursache" — es hat eine institutionelle und menschliche Ursache, die in Code übersetzt wurde. Die Zuschreibung "der Algorithmus hat entschieden" ist deshalb eine besonders effektive Verantwortungsdiffusion: Sie ist technisch korrekt formuliert und faktisch irreführend.

Gruppenattribuierung: kollektive Akteure als Verschleierung

Neben abstrakten Kräften werden auch Kollektive als Phantom-Akteure eingesetzt: "Die Deutschen wollen...", "Die Muslime glauben...", "Die Migranten bringen..." Diese Formulierungen schreiben individuelles Handeln oder strukturelle Ursachen einem homogenen Kollektiv zu — das so gar nicht existiert. Das ist der Group Attribution Error in seiner rhetorischen Form.

Die Funktion ist dieselbe: Verantwortliche Akteure (Unternehmen, Gesetzgeber, Entscheider) werden aus dem Bild genommen, und diffuse Gruppen werden als Ursache konstruiert. Das erleichtert Othering und erschwert sachliche Analyse der tatsächlich wirksamen Kausalitäten.

Der diagnostische Wert: Wer fehlt im Satz?

Eine einfache Methode, fehlerhafte Handlungszuschreibungen aufzudecken: die fehlenden Akteure im Satz suchen.

  • "Die Situation hat sich verschlechtert" — Wer hat was entschieden, das die Situation verschlechtert hat?
  • "Es kam zu Einschränkungen" — Wer hat diese Einschränkungen angeordnet?
  • "Das System hat versagt" — Welche Menschen haben welche Entscheidungen getroffen, die zum Versagen geführt haben?

Jede dieser Fragen zwingt zur Konkretisierung: Wer hat was wann entschieden? Welche Alternativen gab es? Diese Konkretisierung macht Rechenschaft möglich — und das ist der Grund, warum viele Kommunikationsstrategien sie systematisch vermeiden.

Fehlerhafte Zuschreibung nach oben: Sündenbock-Mechanik

Das Muster funktioniert auch in die andere Richtung: Verantwortung wird einem einzelnen Akteur zugeschrieben, der das Geschehen gar nicht kontrolliert hat — als Sündenbock. "Das hat XY verbockt" für ein Ergebnis, das aus komplexen systemischen Ursachen entstand. Hier findet eine Überzuschreibung auf ein Individuum statt, während strukturelle Ursachen ausgeblendet werden.

Das ist der klassische False Cause-Fehler in seiner attributiven Form: Kausalität wird dort konstruiert, wo Koinzidenz oder Komplexität herrscht. Der neue CEO trifft auf einen sterbenden Markt — wenn es schlecht läuft, "war er es". Wenn es gut läuft, "hat er es gerettet". Die Realität ist meistens vielschichtiger.

Quellen & Weiterführendes

  • Ross, Lee. "The Intuitive Psychologist and His Shortcomings: Distortions in the Attribution Process." Advances in Experimental Social Psychology, 10, 1977, S. 173–220.
  • Pasquale, Frank. The Black Box Society: The Secret Algorithms That Control Money and Information. Harvard University Press, 2015.
  • Noble, Safiya Umoja. Algorithms of Oppression: How Search Engines Reinforce Racism. NYU Press, 2018.
  • Tversky, Amos & Daniel Kahneman. "Causal Schemas in Judgments Under Uncertainty." Progress in Social Psychology, 1978.
  • Lukes, Steven. Power: A Radical View. Palgrave Macmillan, 1974.
  • Wikipedia: Attributionsfehler

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