Überlegenheitsillusion: Warum alle überdurchschnittlich fahren, kochen und arbeiten
Kurze Frage: Sind Sie ein überdurchschnittlicher Autofahrer? Falls Sie gerade nicken — herzlich willkommen in der großen Mehrheit. In einer klassischen Studie hielten sich 93% der amerikanischen Autofahrer für besser als der Durchschnitt. In Schweden waren es 69%, und selbst dort ist das arithmetisch unmöglich: Wenn mehr als 50% über dem Median liegen, stimmt entweder die Mathematik nicht oder die Selbsteinschätzung. Spoiler: Es ist die Selbsteinschätzung.
Was ist die Überlegenheitsillusion?
Die Überlegenheitsillusion (englisch: Illusory Superiority oder Above-Average Effect) beschreibt die systematische Tendenz von Menschen, ihre eigenen Eigenschaften, Fähigkeiten und Leistungen im Vergleich zu anderen zu überschätzen. Wir halten uns in den meisten positiv bewerteten Dimensionen für besser als den Durchschnitt — was statistisch für mehr als 50% der Menschen gleichzeitig nicht wahr sein kann.
Der Begriff Lake-Wobegon-Effekt ist eine poetische Variante, benannt nach dem fiktiven Ort in Garrison Keillors Radioshow "A Prairie Home Companion": einer Stadt, "wo alle Frauen stark sind, alle Männer gut aussehend und alle Kinder überdurchschnittlich begabt." Das Idealbild einer Gesellschaft, die kollektiv die Normalverteilung ignoriert.
Die Studienlage: Überall überdurchschnittlich
Der Effekt ist einer der am robustesten replizierten Befunde der Sozialpsychologie. Er taucht in praktisch jedem Bereich auf, in dem Menschen sich selbst einschätzen:
- Fahrleistung: Die berühmte Studie von Svenson (1981) zeigte, dass 93% der US-Studierenden sich für sicherer als der Durchschnitt hielten, 69% der schwedischen Stichprobe taten es ebenfalls — und Schweden hat einen der niedrigsten Unfallraten Europas. Die guten Fahrer überschätzen sich relativ weniger als die schlechten.
- Intelligenz: Die meisten Menschen schätzen ihre eigene Intelligenz als überdurchschnittlich ein. In Stichproben aus der Allgemeinbevölkerung tendieren die Selbsteinschätzungen konsistent nach oben von der Mitte.
- Führungsqualitäten: In einer Studie mit US-Studierenden hielten sich 70% für überdurchschnittlich in "Leadership". Nur 2% schätzten sich als unterdurchschnittlich ein.
- Arbeitsleistung: Studien in Unternehmenskontexten zeigen, dass ein Großteil der Mitarbeitenden ihre eigene Performance als besser als den Teamdurchschnitt einschätzt — was statistisch selbst dann nicht stimmt, wenn das Team insgesamt sehr gut ist.
- Moral und Ethik: Besonders stark ist der Bias bei moralischen Eigenschaften. Die meisten Menschen halten sich für fairer, ehrlicher und großzügiger als der Durchschnitt.
Warum tun wir das?
Die Überlegenheitsillusion entsteht durch das Zusammenwirken mehrerer psychologischer Mechanismen:
Selektive Informationsverarbeitung: Bei der Selbsteinschätzung haben wir privilegierten Zugang zu uns selbst. Wir kennen unsere Intentionen, unsere Mühe, unsere guten Vorsätze. Über andere wissen wir primär ihr beobachtbares Verhalten. Wenn ich beim Fahren zu nah auffahre, weiß ich: Ich hatte einen schlechten Tag, war abgelenkt, es war ausnahmsweise so. Der andere? Der ist einfach ein Rüpel.
Definitionsspielraum: Bei vagen Kriterien definieren wir "gut" unbewusst so, dass wir gut abschneiden. "Guter Autofahrer" — meine ich reaktionsschnell? Sicheres Verhalten? Kenntnis der Verkehrsregeln? Ich betone automatisch die Dimension, in der ich stark bin.
Erinnerungsverzerrung: Wir erinnern uns besser an Situationen, in denen wir gut abgeschnitten haben. Das Verfügbarkeitsprinzip sorgt dafür, dass leicht abrufbare positive Erinnerungen die Selbsteinschätzung dominieren.
Motivationale Verzerrung: Ein positives Selbstbild ist psychologisch nützlich. Es fördert Motivation, Ausdauer und mentale Gesundheit. Das Gehirn hat einen evolutionären Anreiz, uns leicht besser dastehen zu lassen als die Realität.
Der Effekt umgekehrt: Wenn Pessimismus klüger wäre
Es gibt eine interessante Ausnahme: Depressive Realisten. Menschen mit leichten Depressionen zeigen in Studien eine genauere Selbsteinschätzung als psychisch gesunde Menschen. Das Phänomen heißt "depressive Realismus" (Alloy & Abramson, 1979): Die leicht gedämpfte Stimmung entfernt den rosa Filter.
Das bedeutet nicht, dass Depression gut ist. Es zeigt aber, dass das optimistische Selbstbild kein neutrales Abbild der Realität ist — es ist eine systematische Verzerrung nach oben, die evolutionär nützlich war, aber in Kontexten, die präzises Feedback erfordern, teuer werden kann.
Lake Wobegon in deutschen Büros und auf deutschen Straßen
Die Überlegenheitsillusion lebt in sehr konkreten deutschen Alltagssituationen:
- Das Jahresgespräch: Der Mitarbeiter hat sich in der Selbsteinschätzung durchgehend "übertrifft Erwartungen" gegeben. Die Führungskraft hatte "erfüllt Erwartungen" vorbereitet. Es folgt ein unangenehmes Gespräch, in dem beide Parteien sich für die objektivere Person halten — was statistisch ebenfalls nicht stimmt.
- Die Autobahn: "Der fährt wie ein Anfänger" — denkt der Fahrer, der gerade bei 170 km/h auf der linken Spur jemanden bedrängt. "Der ist aggressiv" — denkt der Bedrängte. Beide halten sich für die ruhigere, kompetenentere Person.
- Das Kochevent: Beim Firmen-Kochkurs schätzen sich erfahrungsgemäß 80% der Teilnehmenden als "ganz gut" oder besser im Kochen ein. Was wahrscheinlich erklärt, warum Kochshows im Fernsehen so gut laufen: Wir wissen ja, wie es geht — wir schauen nur zu, um die Fehler der anderen zu sehen.
- Eltern und ihre Kinder: Die meisten Eltern halten ihre Kinder für überdurchschnittlich intelligent, kreativ oder sozial kompetent. Lake Wobegon lässt grüßen — in diesem Fall mit besonders starker emotionaler Verstärkung.
Wenn der Effekt gefährlich wird
Die Überlegenheitsillusion ist harmlos, solange sie privat bleibt. Sie wird problematisch in Kontexten, in denen präzise Selbsteinschätzung wichtig ist:
Medizin: Wenn Chirurgen ihre Komplikationsraten als unterdurchschnittlich einschätzen, fehlt der Anreiz zur Verbesserung. Studien zeigen, dass Ärzte ihre eigenen Fehlerquoten regelmäßig unterschätzen.
Finanzentscheidungen: Überzeugung, besser als der Markt zu sein, führt zu übermäßigem Trading und schlechteren Renditen. Der Overconfidence-Effekt ist ein enger Verwandter — und ein bekannter Feind von Privatanlegern.
Sicherheit: Wer glaubt, besser zu fahren als andere, fährt schneller und hält weniger Sicherheitsabstand. Die 93%-Statistik ist nicht nur eine psychologische Kuriosität — sie hat Unfallstatistiken.
Gegenmittel: Kalibrierung durch echtes Feedback
Der effektivste Schutz gegen die Überlegenheitsillusion ist externes, objektives Feedback:
- 360°-Feedback: Strukturiertes Feedback von Kolleginnen, Vorgesetzten und Mitarbeitenden — das oft überraschend von der Selbsteinschätzung abweicht.
- Benchmarking: Eigene Leistungen mit messbaren Referenzwerten vergleichen, nicht mit dem eigenen Gefühl.
- Präzise Kriterien: Vor der Selbsteinschätzung definieren, was "gut" konkret bedeutet — und dann ehrlich messen.
- Premortem-Technik: Vor einer Entscheidung fragen: Was könnte schiefgehen, wenn ich falsch liege über meine Fähigkeiten?
Zusammenfassung
Die Überlegenheitsillusion ist einer der konsistentesten Befunde der Psychologie: Die meisten Menschen überschätzen sich systematisch. Das ist evolutionär sinnvoll, psychologisch verständlich — und in bestimmten Kontexten gefährlich. Wer in einer Welt lebt, in der alle überdurchschnittlich sind, lebt in Lake Wobegon. Wer in der realen Welt gute Entscheidungen treffen will, braucht Feedback, das kalibriert — auch wenn es unbequem ist.
Quellen & Weiterführendes
- Svenson, Ola. "Are We All Less Risky and More Skillful Than Our Fellow Drivers?" Acta Psychologica, 47(2), 1981, S. 143–148.
- College Board Survey. Student Descriptive Questionnaire. Princeton, NJ: Educational Testing Service, 1976–77. (Quelle für die 70%-Führungskräfte-Statistik)
- Alloy, Lauren B. & Lyn Y. Abramson. "Judgment of Contingency in Depressed and Nondepressed Students: Sadder but Wiser?" Journal of Experimental Psychology: General, 108(4), 1979, S. 441–485.
- Hoorens, Vera. "Self-Enhancement and Superiority Biases in Social Comparison." European Review of Social Psychology, 4(1), 1993, S. 113–139.
- Kruger, Justin & David Dunning. "Unskilled and Unaware of It: How Difficulties in Recognizing One's Own Incompetence Lead to Inflated Self-Assessments." Journal of Personality and Social Psychology, 77(6), 1999, S. 1121–1134.
- Wikipedia: Überlegenheitsillusion