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blog.category.aspect 30. März 2026 6 Min. Lesezeit

Nächster-in-der-Reihe-Effekt: Du hörst nicht zu, weil du gerade deinen Auftritt probst

Die Runde geht herum. Alle sollen sich kurz vorstellen. Du bist der Vierte in der Reihe, hörst dem Ersten noch zu — beim Zweiten schweifst du bereits leicht ab — und während der Dritte spricht, läuft in deinem Kopf die Generalprobe für deinen eigenen Auftritt. Wenn du endlich dran bist, weißt du: Namen, Position, irgendwas Cleveres am Ende. Was der Zweite und Dritte gesagt haben? Keine Ahnung. Das ist der Nächster-in-der-Reihe-Effekt.

Was steckt dahinter?

Der Next-in-Line Effect wurde 1975 von dem Psychologen Malcolm Brenner beschrieben. In seinen Experimenten mussten Versuchspersonen in einer Runde reihum bestimmte Wörter oder kurze Sätze vorlesen. Anschließend wurden sie gebeten, sich an möglichst viele Beiträge der anderen zu erinnern. Das Ergebnis: Die Beiträge der Person, die unmittelbar vor dem Probanden dran war — also der Person, nach der man selbst sprechen musste — wurden signifikant schlechter erinnert als alle anderen.

Der Mechanismus liegt auf der Hand: Wer weiß, dass er gleich an der Reihe ist, lenkt kognitive Ressourcen auf die bevorstehende Aufgabe um. Aufmerksamkeit ist begrenzt. Was auf den eigenen Beitrag verwendet wird, fehlt für die Aufnahme der Beiträge anderer. Das Kurzzeitgedächtnis ist voll mit dem eigenen Skript.

Die Vorstellungsrunde — ein organisiertes Missverständnis

Meetings, Seminare, Workshops, Schulungstage: Fast überall beginnt man mit einer Vorstellungsrunde. "Sagen Sie kurz, wer Sie sind, was Sie machen, und was Sie sich von heute erhoffen." Der Gedanke dahinter ist sympathisch — Vertrauen aufbauen, die Gruppe kennenlernen, den Rahmen setzen.

Das Problem: Der Nächster-in-der-Reihe-Effekt stellt sicher, dass ein erheblicher Teil der Teilnehmenden die Hälfte dieser Vorstellungen gar nicht wirklich aufnimmt. Wer in einer 15-köpfigen Runde der Achte ist, hat mindestens die Beiträge von Nummer sechs und sieben kaum mitbekommen. Wer der Letzte ist, hat möglicherweise ab Nummer zehn nur noch seine eigene Vorstellung im Kopf rotieren lassen.

Das Ergebnis: Nach der Vorstellungsrunde kennt niemand alle anderen. Die Namen verschwimmen. Was wer gemacht hat, weiß man vage. Das klassische Eisbrechertool bewirkt in seiner üblichen Form genau das Gegenteil seines Zwecks — zumindest für die, die bald dran sind.

Im Unterricht: Die Meldewand

Ein anderer klassischer Kontext: der Schulunterricht. Die Lehrerin fragt etwas, fünf Hände gehen hoch. Wer wartet, bis er aufgerufen wird, investiert diese Wartezeit häufig nicht ins aktive Zuhören, sondern ins mentale Proben der eigenen Antwort. "Ich sage: 1756. Nein, warte — 1757. Egal, Hauptsache ich sage das Richtige." Währenddessen antwortet ein anderer Schüler. Was er sagte? War irgendwas mit Österreich, glaube ich.

Das Problem: Wenn die eigene Antwort bereits überholt ist — weil der Mitschüler genau das gesagt hat — merkt man es manchmal nicht mal. Man antwortet trotzdem, weil die Antwort bereits im Arbeitsspeicher stand und der Gehörte kaum registriert wurde. Lehrkräfte kennen das: "Das hat XY gerade doch schon gesagt." — "Oh, tut mir leid, hab ich nicht mitgekriegt."

Soziale Angst als Verstärker

Der Effekt wird durch soziale Angst dramatisch verstärkt. Wer ohnehin nervös ist beim Gedanken, vor einer Gruppe sprechen zu müssen, leitet noch mehr Aufmerksamkeit auf die innere Vorbereitung um. Bei Menschen mit ausgeprägter Redeangst kann die Vorbeschäftigung mit dem eigenen Beitrag so überwältigend werden, dass sie kaum noch wahrnehmen, was um sie herum gesagt wird — und sich hinterher fragen, warum sie die Inhalte des Meetings kaum erinnern.

Interessanterweise berichten Menschen mit stärkerer sozialer Angst auch häufiger, sich an ihre eigenen Beiträge schlecht zu erinnern — die Anspannung vor und während des Sprechens beeinträchtigt die Konsolidierung der eigenen Aussagen ins Langzeitgedächtnis. Der Nächster-in-der-Reihe-Effekt ist hier Teil eines größeren Aufmerksamkeitsmusters.

Warum wir das unterschätzen

Das Tückische am Effekt ist, dass wir ihn an uns selbst kaum bemerken. Wir glauben, zugehört zu haben. Das Gefühl des Zuhörens ist vorhanden — wir saßen dort, die Ohren waren offen, die Augen gerichtet. Aber aufmerksames Zuhören und physische Anwesenheit sind verschiedene Dinge. Das Gehirn hat im Hintergrund die Ressourcen umgeleitet, ohne uns eine Benachrichtigung zu schicken.

Das hängt auch mit dem Illusion-of-Knowing-Effekt zusammen: Wir überschätzen systematisch, wie gut wir Informationen aufgenommen haben. Nach einer Sitzung glauben die meisten, sie seien aufmerksamer gewesen, als die späteren Erinnerungstests zeigen. Der Nächster-in-der-Reihe-Effekt ist ein konkreter Mechanismus, der zu dieser Lücke beiträgt.

Auswirkungen in der Praxis

Der Effekt hat weitreichende Konsequenzen in Alltagssituationen:

  • Networking-Events: Wer seinen Elevator Pitch übt, während der andere noch spricht, vergibt die Chance, wirklich zu verstehen, wer gegenübersteht — und damit auch die Chance auf ein echtes Gespräch statt paralleler Monologe.
  • Diskussionsrunden: In strukturierten Debatten, bei denen Redezeit im Voraus verteilt wird, hören Teilnehmende den Ausführungen ihrer unmittelbaren Vorgänger oft schlechter zu — was zu Wiederholungen und verpassten Anknüpfungspunkten führt.
  • Therapie und Gruppeninterventionen: In Gruppentherapien oder strukturierten Reflexionsrunden kann der Effekt bedeuten, dass Teilnehmende die Erfahrungen anderer weniger aufnehmen, als erhofft — was den therapeutischen Nutzen des gemeinsamen Teilens einschränkt.
  • Prüfungssituationen: Bei mündlichen Gruppenprüfungen kann die Vorbeschäftigung mit der eigenen Antwort dazu führen, dass die Frage an den Vorgänger kaum verfolgt wird — und man dann von der eigenen ähnlichen Frage überrascht wird.

Was tun? Strukturelle Gegenmittel

Da der Effekt aus einem Ressourcenkonflikt entsteht, hilft es, diesen Konflikt zu reduzieren:

  • Zufällige Reihenfolge: Wenn die Reihenfolge unbekannt ist, entfällt der Anlass zur Vorbereitung während andere sprechen. Wer nicht weiß, wann er dran ist, kann nicht proben — und hört besser zu.
  • Notizen erlauben: Wenn man den eigenen Beitrag kurz aufschreiben kann, bevor die Runde beginnt, muss man ihn nicht im Kopf festhalten. Das entlastet das Arbeitsgedächtnis während des Zuhörens.
  • Aktives Zuhören einbauen: Gezielte Aufgaben, die Aufmerksamkeit auf andere lenken — "Nenne nach der Runde etwas, das dich an dem Beitrag einer anderen Person überrascht hat" — können die Zuhörqualität messbar verbessern.
  • Vorstellungen vor der Runde sammeln: In digitalen Formaten können Vorstellungen vorab schriftlich eingereicht und verteilt werden — dann entfällt die Echtzeitrunde vollständig, und die eigentliche Arbeit beginnt mit geteiltem Vorwissen.

Das Paradox der Beteiligung

Es gibt eine gewisse Ironie im Nächster-in-der-Reihe-Effekt: Der Wunsch, einen guten Beitrag zu leisten — also aktiv teilzunehmen — führt dazu, dass man die Beiträge der anderen schlechter aufnimmt. Engagement erzeugt Blindheit. Wer sich vorbereitet, hört weniger zu. Wer am meisten beizutragen hat, profitiert am wenigsten von der Gruppe.

Das ist kein Versagen individueller Willenskraft, sondern eine strukturelle Eigenschaft begrenzter kognitiver Ressourcen. Der Effekt lässt sich nicht durch Vorsätze wegwünschen. Aber er lässt sich durch kluge Designs von Gesprächssituationen abmildern — wenn man weiß, dass er existiert.

Quellen & Weiterführendes

  • Brenner, Malcolm. "The Next-in-Line Effect." Journal of Verbal Learning and Verbal Behavior, 12(3), 1973, S. 320–323.
  • Bond, Charles F., Wendi L. Gardner, Jeanne Christian & Janine J. Stellittano. "Reducing the Next-in-Line Effect: Rehearsal Does Not Disrupt Memory for Auditory Information." Journal of Nonverbal Behavior, 14(3), 1990, S. 191–205.
  • Deffenbacher, Kenneth A., Elizabeth F. Leu & Elizabeth F. Penrod. "The Next-in-Line Phenomenon: Extension to Delayed Memory." Journal of General Psychology, 107(2), 1982, S. 169–178.
  • Hartwig, Maria & Charles F. Bond. "Why Do Lie-Catchers Fail? A Lens Model Meta-Analysis of Human Lie Judgments." Psychological Bulletin, 137(4), 2011. (Kontext: Aufmerksamkeitsallokation unter Druck)
  • Wikipedia: Next-in-line effect (englisch)

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