Buster Bensons Cognitive Bias Codex vs. TellDears sechs Dimensionen — ein Vergleich
2016 veröffentlichte Buster Benson einen der meistgelesenen Medium-Artikel aller Zeiten: den „Cognitive Bias Cheat Sheet". Ausgehend von Wikipedias unübersichtlicher Liste von 175+ kognitiven Verzerrungen schuf er ein Framework, das so klar und einprägsam war, dass es eine ikonische Infografik (von John Manoogian III), ein Buch (Why Are We Yelling? The Art of Productive Disagreement, Portfolio/Penguin, 2019) und den de-facto-Standard für jeden hervorbrachte, der menschliche Irrationalität verstehen will.
TellDear verfolgt einen grundlegend anderen Ansatz: 535 Aspekte in sechs Dimensionen, konzipiert nicht um zu erklären warum wir schlecht denken, sondern um zu identifizieren was schiefgeht in konkreten Texten und Argumenten. Dieser Artikel vergleicht beide Frameworks — und fragt, was jedes vom anderen lernen kann.
Bensons Framework: Vier Probleme, zwanzig Strategien
Bensons zentrale Erkenntnis war organisatorischer Natur: Jede kognitive Verzerrung existiert, weil sie ein reales Problem löst. Er identifizierte vier Meta-Probleme:
- Zu viel Information — Wir müssen filtern: Wir bemerken, was geprimt, bizarr, verändert oder bestätigend ist. (Availability Heuristic, Confirmation Bias, Anchoring, Negativity Bias...)
- Zu wenig Bedeutung — Wir füllen Lücken mit Mustern, Stereotypen, Projektionen und vereinfachten Wahrscheinlichkeiten. (Clustering Illusion, Halo Effect, Hindsight Bias, Base Rate Fallacy...)
- Schnell handeln müssen — Wir überschätzen unsere Fähigkeiten, bevorzugen das Sofortige, beenden Angefangenes und wählen die sichere Option. (Dunning-Kruger, Sunk Cost, Status Quo Bias, Loss Aversion...)
- Was erinnern? — Wir editieren Erinnerungen, verwerfen Details, behalten Höhepunkte und Enden, speichern nach Erlebnisqualität. (Peak-End Rule, False Memory, Serial Position Effect...)
Dieses Framework ist deskriptive Psychologie in Bestform: Es erklärt die evolutionäre Funktion jeder Verzerrung. Es beantwortet die Frage „Warum existiert dieser Bias?" mit einer Antwort, die intuitiv einleuchtet.
TellDears Framework: Sechs analytische Linsen
TellDear stellt eine andere Frage: „Wenn ich einen Text analysiere — eine politische Rede, eine Schlagzeile, einen Social-Media-Post — welche Arten von Fehlern können auftreten?" Die Antwort ist in sechs Dimensionen organisiert:
- D1: Logische Fehlschlüsse (83 Aspekte) — Strukturelle Ungültigkeit: Die logische Form des Arguments ist gebrochen.
- D2: Manipulation & Propaganda (57 Aspekte) — Bewusste rhetorische Strategien: Angstmacherei, geladene Sprache, Whataboutism.
- D3: Kognitive Verzerrungen (124 Aspekte) — Unbewusste psychologische Tendenzen: Confirmation Bias, Anchoring, Dunning-Kruger.
- D4: Statistische & methodische Fehler (81 Aspekte) — Datenebene: P-Hacking, Simpson-Paradoxon, Survivorship Bias.
- D5: Argumentationsschemata (32 Aspekte) — Normative Muster aus der Argumentationstheorie (Walton).
- D6: Diskursmechanik (33 Aspekte) — Soziale und mediale Dynamiken: Overton Window, Echokammern, Agenda Setting.
Wo Benson fragt „warum denken wir so?", fragt TellDear „was passiert in diesem Text?" Der Unterschied ist der zwischen einem Notizbuch eines Psychologen und dem Werkzeugkasten eines forensischen Analysten.
Die Überschneidung: Wo sich beide treffen
Die Überschneidung ist substanziell, aber auf eine einzige Dimension beschränkt. TellDears D3 (Kognitive Verzerrungen) deckt etwa 90–95% von Bensons Framework ab. Das ist nicht überraschend: Bensons Codex ist eine Cognitive-Bias-Taxonomie, und D3 ist TellDears Cognitive-Bias-Dimension.
TellDears D3 nutzt sogar eine ähnliche Unterkategorisierung: A (Information Overload), B (Pattern-Finding), C (Decision Biases), D (Memory Editing) — vier Gruppen, die fast direkt auf Bensons vier Probleme mappen.
Die Lücke: Was Benson nicht abdeckt
Hier wird es interessant. Bensons Framework behandelt ausschließlich kognitive Verzerrungen — unbewusste, automatische mentale Abkürzungen. Aber menschliches Denken geht auf viel mehr Weisen schief:
- Logische Struktur kann ungültig sein (D1) — „Wenn es regnet, ist die Straße nass. Die Straße ist nass. Also hat es geregnet." Das ist ein formaler logischer Fehler, kein kognitiver Bias.
- Menschen manipulieren bewusst (D2) — Propagandatechniken sind absichtliche Strategien, keine unbewussten Verzerrungen. Ein Politiker, der Angst schürt, leidet nicht an einem Bias — er nutzt einen aus.
- Daten können methodisch fehlerhaft sein (D4) — P-Hacking, beschnittene Y-Achsen, selektive Stichproben existieren unabhängig von individueller Psychologie.
- Argumentation hat normative Struktur (D5) — Argumentationsschemata (Walton, Toulmin) liefern legitime Reasoning-Muster mit kritischen Fragen. Benson adressiert normatives Reasoning nicht.
- Diskurs hat eigene Dynamiken (D6) — Echokammern, Agenda Setting, das Overton Window sind emergente soziale Phänomene jenseits individueller Kognition.
Benson deckt eine von TellDears sechs Dimensionen brillant ab — und lässt die anderen fünf unberührt.
Was TellDear von Benson lernen kann
Benson bietet etwas, das TellDear aktuell nicht hat: eine überzeugende Erklärungsnarrative. Wenn jemand „Anchoring Bias" in TellDear begegnet, lernt er, was es ist und wie man es erkennt. Aber Benson erzählt, warum das Gehirn das tut — weil die Welt sich verändert und wir Referenzpunkte brauchen. Das ist einprägsamer und mitfühlender.
Konkret könnte TellDear profitieren von:
- Evolutionäre Funktion in D3-Beschreibungen integrieren — Für jeden Bias eine Zeile, welches der vier Probleme er löst.
- Potenziell fehlende Biases prüfen — Restraint Bias, Self-Consistency Bias, Law of Narrative Gravity.
- Bensons Werk in die Literaturliste aufnehmen — Sein Cheat Sheet und Buch gehören in jede umfassende Referenzliste zum Thema.
Fazit: Komplementär, nicht konkurrierend
Bensons Cognitive Bias Codex und TellDears Sechs-Dimensionen-Taxonomie sind keine Konkurrenten — sie sind komplementäre Frameworks für unterschiedliche Fragen:
- Benson beantwortet: „Warum weicht das menschliche Gehirn systematisch von rationalem Denken ab?" → Weil es vier fundamentale Probleme löst.
- TellDear beantwortet: „Was geht in diesem konkreten Text oder Argument schief?" → Es kann logisch, manipulativ, kognitiv, statistisch, argumentativ oder diskursiv sein — oft mehreres gleichzeitig.
Das ideale Toolkit enthält beides: Bensons empathische, evolutionäre Erklärung des Warum und TellDears analytisches Framework zur Identifikation des Was passiert hier gerade. Das eine macht mitfühlender; das andere macht wahrnehmungsfähiger.
Beides wird gebraucht. Keines allein reicht aus.
Referenzen
- Benson, B. (2016). Cognitive Bias Cheat Sheet. Medium.
- Benson, B. (2019). Why Are We Yelling? The Art of Productive Disagreement. Portfolio/Penguin. ISBN 978-0525540106.
- Benson, B. (2017). Cognitive Bias Cheat Sheet, Simplified. Medium.
- Manoogian III, J. (2016). Cognitive Bias Codex [Infografik]. Basierend auf Bensons Framework.
- Kahneman, D. (2011). Thinking, Fast and Slow. Farrar, Straus and Giroux.