Argument aus Definition: Wer die Sprache bestimmt, bestimmt das Denken
„Terrorismus ist per Definition politisch motivierte Gewalt — also ist das, was diese Gruppe tut, kein Terrorismus." — „Ehe bedeutet per Definition die Verbindung von Mann und Frau — also ist das, was ihr wollt, keine Ehe." — „Fortschritt bedeutet per Definition Verbesserung — also muss dieser Wandel gut sein." Wer die Definition kontrolliert, kontrolliert die Debatte. Das ist die stille Macht des Arguments aus Definition.
Die Grundstruktur
Das Argument aus Definition (argument from definition) hat eine elegante, scheinbar unwidersprechliche Form:
- Begriff X bedeutet per Definition Y.
- Die vorliegende Sache gehört zur Kategorie X (oder nicht).
- Also gilt für sie alles, was Y impliziert.
In dieser Form ist das Argument vollkommen legitim — Definitionen sind das Fundament jeder klaren Kommunikation. Das Problem entsteht, wenn die verwendete Definition umstritten, strategisch gewählt oder unbemerkt verschoben wird. Dann wird aus einem logischen Werkzeug ein rhetorisches Druckmittel.
Definitions-Macht: Wer darf definieren?
In vielen Debatten ist die eigentliche Auseinandersetzung nicht inhaltlich, sondern definitorisch. Wer durchsetzt, was ein Begriff bedeutet, gewinnt die Debatte oft, bevor sie richtig begonnen hat.
Klassische Schlachtfelder der Definitions-Macht:
- „Leben": Ab wann beginnt menschliches Leben? Die Antwort auf diese Definitionsfrage bestimmt die gesamte Abtreibungsdebatte.
- „Arbeit": Ist Hausarbeit Arbeit? Die Definition entscheidet über Rentenansprüche, Sozialleistungen, Geschlechtergleichstellung.
- „Demokratie": Jedes autoritäre Regime der Geschichte hat sich selbst als demokratisch bezeichnet — mit einer entsprechend umdefinierten Demokratie.
- „Rasse": Dass diese Kategorie biologisch weitgehend bedeutungslos ist, hat das Argument aus rassistischer Definition historisch nie gestört.
Der Soziologe W. I. Thomas formulierte das Thomas-Theorem: „If men define situations as real, they are real in their consequences." Definitionen sind soziale Tatsachen. Sie strukturieren Wahrnehmung, Recht, Politik und Moral.
Typen von Definitionen und ihre Tücken
Lexikalische Definitionen
Beschreiben, wie ein Wort tatsächlich verwendet wird. Problem: Sprachgebrauch ist nicht einheitlich und wandelt sich. Wer behauptet, die lexikalische Definition zu kennen, täuscht oft eine Einheitlichkeit vor, die nicht existiert.
Stipulative Definitionen
Legen für einen bestimmten Kontext fest, was ein Begriff bedeuten soll. Wissenschaftlich notwendig und legitim — aber nur, wenn die Festlegung explizit gemacht wird. Wird eine stipulative Definition heimlich als allgemeingültig behandelt, entsteht Täuschung.
Persuasive Definitionen
Der Philosoph Charles Stevenson beschrieb 1938 den Typus der persuasiven Definition: Ein emotional aufgeladener Begriff wird neu definiert, um die positive oder negative Einstellung zu bewahren, aber die sachliche Referenz zu verschieben. Beispiel: „Wahre Freiheit ist nicht die Abwesenheit von Zwang, sondern die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung." Die emotionale Kraft des Wortes „Freiheit" wird genutzt, um eine politische Umdefinition voranzutreiben.
Ostensive Definitionen
Definitionen durch Zeigen und Beispiele. Robust in konkreten Kontexten, aber anfällig für Manipulationen durch gezielte Auswahl oder Weglassen von Beispielen.
Der No-True-Scotsman-Fehlschluss als Sonderfall
Ein besonders bekannter Spezialfall des Definitions-Arguments ist der No-True-Scotsman-Fehlschluss: Eine Kategorie wird so definiert, dass Gegenbeispiele per Definition ausgeschlossen werden. „Kein echter Schotte würde so etwas tun." — „Dann war er eben kein echter Schotte." Die Definition wird ad hoc angepasst, um ihre Widerlegung zu verhindern. Damit verliert sie jeden empirischen Gehalt.
Argument aus verbaler Klassifikation
Eng verwandt ist das Argument aus verbaler Klassifikation: Ein Individuum wird einer Kategorie zugeordnet, und daraus werden Schlüsse gezogen, die eigentlich nur für typische Mitglieder der Kategorie gelten. „Das ist ein Messer, also ist es eine Waffe, also darf man es nicht öffentlich tragen." Aber: Ein Küchenmesser im Rucksack eines Picknickers ist kein Wurfmesser. Die Klassifikation trägt nicht alle normativen Konsequenzen automatisch mit sich.
Equivocation: Das heimliche Verschieben von Bedeutungen
Eine der häufigsten Definitons-Manipulationen ist die Äquivokation: Ein Begriff wird in einem Argument in verschiedenen Bedeutungen verwendet, ohne dass dies kenntlich gemacht wird. „Die Gesetze der Natur können nicht verletzt werden. Mord ist eine Verletzung des Gesetzes. Also ist Mord keine natürliche Handlung." Hier wird „Gesetz" in zwei vollkommen verschiedenen Bedeutungen verwendet. Das Argument klingt logisch, ist es aber nicht.
Definitionen als Machtinstrument in der Geschichte
Die Geschichte zeigt, dass Definitions-Argumente politisch hochexplosiv sind:
- „Entartete Kunst": Das NS-Regime definierte bestimmte Kunstformen als „entartet" — eine Definition, die keine ästhetischen, sondern politisch-rassische Kriterien anlegte und zur Verfolgung von Künstlern führte.
- „Kriminelle Organisationen": Wer als kriminelle Organisation definiert wird, verliert Grundrechte. Die Definition ist kein neutraler Akt.
- „Refugee" vs. „migrant": Die Unterscheidung bestimmt, wer internationale Schutzrechte erhält. Die Kategorisierung ist juristisch, politisch und moralisch weitreichend.
Wie erkennt man manipulative Definitions-Argumente?
- Frage nach der Quelle: Wessen Definition wird verwendet? Ist sie allgemein akzeptiert oder strategisch gewählt?
- Frage nach Alternativen: Gibt es andere gebräuchliche Definitionen des Begriffs? Was würde sich ändern, wenn man sie verwendete?
- Trenne Definition von Normativität: Selbst wenn X per Definition Y ist — folgt daraus normativ alles, was behauptet wird? Oft liegt die eigentliche Prämisse nicht in der Definition, sondern in einem unausgesprochenen Werturteil.
- Achte auf Verschiebungen: Wird ein Begriff im Argument konsistent verwendet, oder ändert sich seine Bedeutung zwischen Prämisse und Schlussfolgerung?
Wenn Definition legitimes Argument ist
Das Argument aus Definition ist stark und legitim, wenn:
- die verwendete Definition explizit gemacht und begründet wird,
- Einigkeit über die Definition besteht oder sie vor dem Argument geklärt wurde,
- die normative Last der Schlussfolgerung tatsächlich in der Definition liegt und nicht in versteckten Zusatzprämissen.
In der Rechtswissenschaft, Mathematik und formalen Logik sind Definition-basierte Argumente unentbehrlich und präzise. Das Problem ist nicht das Argument selbst — es ist sein Missbrauch.
Fazit
Sprache ist nie neutral. Wer einen Begriff definiert, legt fest, was denkbar ist — und was nicht. Das Argument aus Definition ist eines der mächtigsten rhetorischen Werkzeuge, weil es vorgibt, keine Rhetorik zu sein, sondern bloße Logik. Kritisches Denken beginnt deshalb oft mit einer simplen Frage: „Was genau meinst du mit diesem Wort — und wer hat das so festgelegt?"
Quellen
- Stevenson, Charles L. „Persuasive Definitions." Mind, 47(187), 1938. S. 331–350.
- Walton, Douglas. Argumentation Schemes for Presumptive Reasoning. Lawrence Erlbaum, 1996.
- Thomas, William I. & Thomas, Dorothy S. The Child in America. Knopf, 1928.
- Wikipedia: Persuasive definition
- Wikipedia: Equivocation
- Stanford Encyclopedia of Philosophy: Definitions