Argument aus Volkspraxis: "Das machen doch alle so!"
„Das haben wir immer so gemacht." — „Das machen doch alle so." — „Wenn eine Praxis so weit verbreitet ist, muss irgendetwas daran stimmen." Diese Argumente begegnen uns in Unternehmen, in Diskussionen über soziale Normen, in moralischen Debatten über Traditionen. Sie verweisen nicht auf das, was die Mehrheit denkt, sondern auf das, was sie tut — und behaupten, dass diese Praxis normativen oder praktischen Wert besitzt. Das ist das Argument aus Volkspraxis.
Die Struktur des Arguments
Das Schema ist prägnant:
- Nahezu alle (in einer Gruppe, Gesellschaft, Branche) praktizieren Handlung H.
- Daher ist H wahrscheinlich vernünftig, zulässig oder richtig — oder zumindest: es gibt gute Gründe, H zu praktizieren.
Das Argument aus Volkspraxis ist eng mit dem Argument aus Volksmeinung verwandt, unterscheidet sich aber in einem wichtigen Punkt: Es verweist auf Verhalten, nicht auf Überzeugungen. Das macht es in manchen Kontexten überzeugender — denn Verhalten schlägt sich im Alltag nieder, kostet Aufwand, zeigt sich in echten Konsequenzen.
Wann Volkspraxis legitime Orientierung bietet
Verbreitete Praktiken sind nicht per se falsch oder irrational. In vielen Lebensbereichen ist die Praxis der Gemeinschaft ein vernünftiger Ausgangspunkt für eigenes Handeln.
Handwerkliche und technische Praxis: Wenn Zimmerleute seit Generationen Holzverbindungen auf eine bestimmte Weise ausführen, steckt in dieser Praxis akkumuliertes Erfahrungswissen. Es wäre töricht, ohne guten Grund abzuweichen. Traditionen in Handwerk und Technologie kodieren oft schwer artikulierbares Wissen — sogenanntes tacit knowledge (Michael Polanyi), das sich nicht vollständig in Regeln überführen lässt.
Soziale Normen und Koordination: Viele soziale Praktiken haben keinen intrinsischen moralischen Wert, sind aber koordinationsnotwendig. Rechtsverkehr oder Linksverkehr — es gibt keinen Grund, dass eine Seite besser wäre. Aber alle müssen dasselbe tun. Hier ist „alle machen es so" ein vollständig ausreichendes Argument, daran teilzunehmen.
Evolutionäre Heuristiken: In Situationen hoher Unsicherheit und niedriger Informationsverfügbarkeit ist „tue, was die anderen tun" eine rationale Heuristik. Wenn du in einer unbekannten Stadt ein Restaurant aufsuchst und alle anderen gehen an einer bestimmten Stelle vorbei, ist das ein schwacher, aber realer Hinweis. Es gibt echte Situationen, in denen kollektive Verhaltensweisen Informationen aggregieren.
Die Fallstricke der Volkspraxis
Gleichzeitig haben kollektive Praktiken eine erschreckende Kapazität für Fehler — manchmal über sehr lange Zeiträume.
Koordination in die falsche Richtung: Finanzblasen sind ein Musterbeispiel. Im Vorfeld der Dotcom-Blase der späten 1990er oder der Immobilienblase 2008 war es gängige Praxis, in stark überbewertete Assets zu investieren — weil alle es taten. Die Volkspraxis war koordiniert, aber kollektiv ruinös. Der Ökonom Robert Shiller hat gezeigt, dass Narrative und Herdenverhalten Märkte systematisch in ineffiziente Zustände treiben können.
Moralische Traditionen ohne Legitimation: Jahrhundertelang war Sklaverei in vielen Kulturen verbreitete Praxis. Frauen wurden von politischer Teilhabe ausgeschlossen — als Norm, nicht als Ausnahme. Kindarbeit war branchenüblich. Die Verbreitung einer Praxis hat nie ihre moralische Legitimation begründet. Wenn Abolitionisten, Frauenrechtlerinnen oder Kinderarbeitsreformer auf die Volkspraxis verwiesen hätten, um den Status quo zu verteidigen, wäre das ein Argument für den Stillstand gewesen.
Das Argument aus Volkspraxis ist daher einer der Standardpfeiler des Konservativismus — verstanden nicht als politische Richtung, sondern als epistemische Haltung der Bewahrung von Bestehendem. Es ist auch ein Pfeiler, der regelmäßig morsche Praktiken trägt.
Schafherde und kollektive Blindheit
Ein spezifisches Problem der Volkspraxis ist die informationelle Kaskade. Wenn genug Menschen etwas tun, werden andere darin ein Signal sehen — unabhängig davon, ob die Ersten gute Gründe hatten. Wenn die ersten Nutzer eine App installieren, weil eine Empfehlung sie überzeugte, und die nächsten Nutzer sie installieren, weil viele andere es tun, und die dritten, weil die zweiten es taten — dann wurde die Entscheidung früh von ihrer epistemischen Grundlage abgekoppelt. Das Verhalten propagiert sich selbst, unabhängig von seiner Qualität.
Das ist die Logik des sozialen Konformitätsdrucks: Nicht das Argument wird repliziert, sondern das Verhalten — und das Verhalten legitimiert sich selbst durch seine Verbreitung.
Volkspraxis und moralische Innovation
Fast jede bedeutende moralische Innovation in der Geschichte war zunächst das Verhalten einer Minderheit gegen eine etablierte Volkspraxis. Abolitionisten, Suffragetten, Bürgerrechtsbewegungen — sie alle agierten gegen das, „was alle tun". Das Argument aus Volkspraxis hätte, konsequent angewandt, jeden Fortschritt verhindert.
Das bedeutet nicht, dass Volkspraxis irrelevant ist. Es bedeutet, dass sie als Ausgangspunkt dient — nicht als Endpunkt moralischer Reflexion. Walton betont in seiner Analyse, dass das Argument aus Volkspraxis einen verschiebbaren Beweisstand schafft: Es liefert einen Grund für die Praxis, der widerlegt werden kann. Der Beweisstand verschiebt sich zum Neuerungswilligen — er muss zeigen, warum die Praxis trotz ihrer Verbreitung fragwürdig ist.
Kritische Fragen zur Bewertung
- Warum tun alle es so? — Ist es Erfahrungswissen, Koordinationsnorm, blinde Tradition oder Herdenverhalten?
- Gibt es ein Feedback-Mechanismus? — Lernt die Praxis sich selbst zu verbessern, oder perpetuiert sie sich ohne Rückmeldung?
- Wer profitiert von der Praxis? — Etablierte Praktiken begünstigen oft diejenigen, die sie etabliert haben.
- Handelt es sich um eine normative oder koordinative Frage? — In koordinativen Fragen (Straßenseite, Uhrzeitformat) ist die Volkspraxis entscheidend; in moralischen Fragen ist sie nur ein Datenpunkt.
- Ist die Praxis tatsächlich so universal wie behauptet? — „Alle machen das so" stimmt selten buchstäblich. Oft gibt es Kulturen, Branchen oder Gemeinschaften, die es anders machen.
Das Argument im Unternehmenskontext
In Unternehmen ist das Argument aus Volkspraxis besonders häufig — und besonders ambivalent. „Das ist Branchenstandard" kann bedeuten: Es gibt gute Gründe für diese Praxis, die sich in Erfahrungen bewährt hat. Es kann aber auch bedeuten: Niemand hat diese Praxis je ernsthaft hinterfragt. Disruption in fast jeder Branche beginnt damit, dass jemand branchenübliche Praktiken nicht als unveränderlich behandelt — und dann Branchenstandards neu setzt.
Verwandte Aspekte
Das Argument aus Volkspraxis ist ein Geschwisterargument zum Argument aus Volksmeinung. Beide mobilisieren die Mehrheit als normativen Bezugspunkt. Wer sich von beiden leiten lässt, ohne kritisch zu hinterfragen, riskiert Status-quo-Bias — die Tendenz, das Bestehende als das Richtige zu verteidigen, nur weil es das Bestehende ist.
Quellen & Weiterführendes
- Walton, Douglas. Argumentation Schemes. Cambridge University Press, 2008.
- Polanyi, Michael. The Tacit Dimension. Doubleday, 1966.
- Shiller, Robert J. Narrative Economics: How Stories Go Viral and Drive Major Economic Events. Princeton University Press, 2019.
- Bikhchandani, Sushil; Hirshleifer, David; Welch, Ivo. „A Theory of Fads, Fashion, Custom, and Cultural Change as Informational Cascades". Journal of Political Economy 100(5), 1992.
- Wikipedia: Argumentum ad populum