Illusory Superiority: Alle sind überdurchschnittlich (außer natürlich du — du wirklich)
🎣 Hook
Kurze Umfrage: Bist du lustiger als der Durchschnitt?
Denk mal kurz nach.
Statistisch gesehen sagen jetzt gerade ungefähr 70 % aller Menschen, die diese Frage lesen: Ja, eher schon.
Kleines Problem: Das geht sich mathematisch nicht aus. „Überdurchschnittlich lustig" bedeutet per Definition: lustiger als die Hälfte aller Menschen. Wenn 70 % das von sich glauben, liegen mindestens 20 % falsch. Und das Verrückte? Genau diese 20 % wissen es nicht. Die denken, sie gehören zu den 50 % mit Recht.
Das ist Illusory Superiority — oder auf Deutsch: die Illusion, besser zu sein als man ist.
Und bevor du denkst: „Okay, aber ich bin ja wirklich überdurchschnittlich" — das ist der Effekt. In Echtzeit.
🧠 Was steckt dahinter?
Illusory Superiority beschreibt unsere Tendenz, uns selbst in fast allen positiv bewerteten Eigenschaften für besser zu halten als den Durchschnitt.
In Studien haben Forscher immer wieder dasselbe entdeckt: Wenn du eine Gruppe von Menschen fragst, ob sie ein überdurchschnittlich guter Autofahrer sind, sagen 70–90 % Ja. Wenn du fragst, ob sie klüger als der Durchschnitt sind: Mehrheit sagt Ja. Ethischer? Ja. Besserer Freund? Ja. Gesündere Lebensweise? Ja.
Mathematisch ist das unmöglich. Die Hälfte aller Menschen ist per Definition unterdurchschnittlich. Aber fast niemand sieht sich in dieser Hälfte.
Besonders stark tritt der Effekt bei Eigenschaften auf, die sich schwer messen lassen — Humor, Empathie, Moral, Kreativität. Wer keine klare Messlatte hat, füllt die Lücke mit Optimismus. Und Optimismus ist meistens selbstbezogen.
📱 Alltagssituationen, die du bestimmt kennst
Gruppenarbeiten, das ewige Drama: Kennst du das Gefühl, in einer Gruppenarbeit am meisten beigetragen zu haben? Studien zeigen: Wenn alle Mitglieder einer Gruppe einschätzen, wie viel Prozent der Arbeit sie selbst gemacht haben, ergibt die Summe meistens 140 %+. Alle glauben, den Löwenanteil getan zu haben. Alle gleichzeitig.
„Ich bin eigentlich echt witzig." Mach ein Experiment: Frag in deinem Freundeskreis, wer sich für überdurchschnittlich lustig hält. Zähl die Hände. Dann schau, wie viele Hände es gibt, und rechne kurz nach.
Soziale Medien und Authentizität: Studien zeigen, dass Menschen ihre eigenen Posts als authentischer und weniger inszeniert einschätzen als die Posts anderer — obwohl sie genauso viel Zeit und Mühe reinstecken. „Meine Fotos sind einfach natürlich." Ja. Das sagt jeder.
„Ich bin ein guter Mensch." Die meisten Menschen halten sich für moralisch über dem Durchschnitt. Kriminelle auch. Das ist kein Witz — auch Menschen, die nachweislich unethisch gehandelt haben, rechtfertigen ihre Taten mit einer Geschichte, in der sie eigentlich die Guten sind.
Selbstreflexion als Falle: Hier wird es besonders ironisch: Wer am wenigsten selbstbewusst über seine eigenen Grenzen nachdenkt, hält sich oft für besonders selbstreflektiert. Je mehr du an deiner Selbstwahrnehmung zweifelst, desto besser ist sie wahrscheinlich wirklich.
🔍 Erkennungstest
Du bist möglicherweise betroffen, wenn:
- Du Misserfolge mit äußeren Umständen erklärst und Erfolge mit deinen eigenen Fähigkeiten
- Du dir bei anderen denkst: „Das hätte ich besser gemacht" — regelmäßig
- Du bei Bewertungen wie „fair", „nett" oder „lustig" automatisch eine 7/10 oder höher für dich selbst ankreuzen würdest
- Du erstaunt bist, wenn jemand anderes etwas gut kann, das du für deine Domäne hältst
Gegenfragen für ehrliche Momente:
- Welchen konkreten Beweis habe ich, dass ich darin besser als der Durchschnitt bin?
- Wann hat mir das zuletzt jemand anderes — ungefragt — gesagt?
- Wenn ich in Sache X überdurchschnittlich bin: Wo bin ich dann wahrscheinlich unterdurchschnittlich?
🎯 Deine Challenge
Schreib drei Eigenschaften auf, in denen du dich für überdurchschnittlich hältst.
Dann für jede Eigenschaft:
- Beweis-Check: Was ist dein bester konkreter Beweis dafür? (Kein Bauchgefühl — ein echter Moment, eine echte Rückmeldung.)
- Vergleichs-Check: Mit wem vergleichst du dich eigentlich? Mit dem besten Freund? Dem Klassendurchschnitt? Einer abstrakten Vorstellung?
- Blindspot-Check: Wenn du hier überdurchschnittlich bist — wo bist du dann vielleicht unterdurchschnittlich?
Das Ziel ist nicht, dich kleinzumachen. Menschen, die sich diese Fragen stellen, werden in der Regel tatsächlich besser — weil sie wissen, wo sie anfangen sollen.
Menschen, die es nicht tun, sind halt überdurchschnittlich sicher, dass sie keine Lücken haben.
Teil der TellDear Teen-Reihe — Kritisches Denken für die echte Welt